„Wenn du brav bist, gehen wir auf ein Eis.“ „Iss deinen Teller leer.“ „Du hast geweint? Komm, ich habe ein Stück Schokolade für dich.“ Oder der Satz, den ich als Kind unzählige Male gehört habe: „Putz z’samm, sunst wird’s morgen schiach.“
Wahrscheinlich hast auch du den einen oder anderen dieser Sätze gehört. Als Kind hinterfragen wir solche Aussagen nicht. Wir übernehmen sie. Und genau so lernen wir nicht nur, was wir essen, sondern auch, welche Bedeutung Essen für uns bekommt. Es wird zur Belohnung, zum Trost, zur Gewohnheit oder zum Mittelpunkt gemeinsamer Zeit. Diese Muster begleiten uns oft ein Leben lang.
Das zeigt sich besonders in unserem heutigen Alltag. Wir kommen gestresst von der Arbeit nach Hause, ärgern uns über den Verkehr oder einen Kollegen und sind mit den Gedanken noch immer mitten im Tag. Der Körper ist zwar zuhause, der Kopf aber noch lange nicht. Und genau dann führt der erste Weg oft zum Kühlschrank. Nicht weil wir Hunger haben, sondern weil wir einen Zustand verändern möchten. Essen beruhigt, lenkt ab und schenkt für einen kurzen Moment das Gefühl, dass alles wieder in Ordnung ist. Der Kühlschrank ist dabei selten das eigentliche Problem – er ist nur der Ort, an dem sich das eigentliche Problem zeigt.
Ein anderes Muster begegnet mir immer wieder nach Familienfeiern oder Grillabenden. Aus Angst, dass etwas fehlen könnte, wird für zehn Personen eingekauft, obwohl am Ende vielleicht nur vier kommen. Der Abend ist schön, die Gäste fahren nach Hause und der Kühlschrank ist voll. Jetzt höre ich fast immer denselben Satz: „Das kann man doch nicht wegwerfen.“ Dann frage ich: „Warum gebt ihr euren Gästen nichts mit?“ Die Antwort lautet erstaunlich oft: „Das macht man doch nicht.“ Ich frage mich dann immer: Warum eigentlich? Warum sollte ich jemandem nicht etwas mitgeben, wenn er sich am nächsten Tag noch darüber freut? Stattdessen bleiben die Lebensmittel zuhause und werden Tag für Tag aufgegessen. Nicht weil wir Hunger haben, sondern weil sie da sind. Lebensmittel wegzuwerfen fühlt sich für viele falsch an. Die eigene Gesundheit dafür aufs Spiel zu setzen, dagegen oft ganz normal. Für mich gilt heute ein einfacher Satz: Lebensmittel sind wertvoll. Aber unsere Gesundheit ist unbezahlbar.
Wenn du bis hierher gelesen hast, ist dir vielleicht etwas aufgefallen: Es ging nie wirklich ums Essen. Es ging um Muster. Muster, die wir als Kinder gelernt haben. Muster, die unter Stress automatisch ablaufen. Und Muster, die wir so oft wiederholt haben, dass wir sie gar nicht mehr bemerken. Genau deshalb reicht Wissen allein so selten aus. Erst wenn wir verstehen, warum wir handeln, wie wir handeln, können wir beginnen, das Wie zu verändern. Wir ersetzen alte Muster nicht durch Disziplin, sondern durch bessere Muster.
Warum mir dieses Thema so wichtig ist? Weil ich diese Muster nicht nur aus meiner Arbeit als Coach kenne, sondern auch von mir selbst. Mit fast 190 Kilogramm Körpergewicht habe ich viele dieser Verhaltensweisen selbst gelebt, ohne zu verstehen, warum ich immer wieder dieselben Entscheidungen getroffen habe. Am Ende führte mich mein Weg zu einer bariatrischen Operation. Heute denke ich manchmal: Hätte ich damals schon verstanden, welche Muster hinter meinem Essverhalten stecken, hätte ich mir diesen chirurgischen Eingriff vielleicht ersparen können. Genau deshalb geht es mir heute nicht darum, Menschen zu sagen, was sie essen sollen. Ich möchte ihnen helfen zu verstehen, warum sie essen, wie sie essen.
Denn erst wenn wir das Warum erkennen, können wir das Wie verändern.
Vielleicht musst du also gar nicht damit beginnen, deinen gesamten Speiseplan auf den Kopf zu stellen. Vielleicht reicht für den Anfang eine viel einfachere Aufgabe:
Beobachte dich.
Wann gehst du zum Kühlschrank, obwohl du eigentlich keinen Hunger hast? Wann wird Essen zur Belohnung, zum Trost oder einfach zur Gewohnheit? Und welche dieser Muster begleiten dich vielleicht schon seit deiner Kindheit?
Du musst sie nicht alle morgen ändern.
Aber du solltest anfangen, sie zu erkennen.
Denn Veränderung beginnt nicht mit Verboten. Sie beginnt mit Bewusstsein.
Wir haben nur eine Gesundheit.
Wenn du diesen Gedanken weiterverfolgen möchtest …
Essen als Belohnung, Trost oder sogar Bestrafung begleitet viele Menschen schon viel länger, als ihnen bewusst ist. In „Belohnung oder Bestrafung – warum Essen keine Lösung ist“ gehe ich genau auf diesen Zusammenhang noch einmal näher ein.
Und wenn du dich fragst, ob Veränderung wirklich immer bedeutet, einfach weniger zu essen, lies auch „Warum klüger essen mehr bringt als weniger essen“.
Franz
Training mit Verstand, Struktur und Haltung.
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