Wissenschaft misst. Tradition beobachtet. Der Körper meldet. Gute Ernährung verbindet alle drei.

Der Supermarkt hat dein Körpergefühl zerstört.

Dieser Satz war bewusst provokant. Natürlich hat nicht das Gebäude mit den Regalen unseren Körper kaputtgemacht. Aber der moderne Supermarkt steht für ein Angebot, das beinahe grenzenlos, ständig verfügbar und weitgehend unabhängig von Jahreszeit, Region und tatsächlichem Bedarf ist.

Im August bekommst du Wiener Schnitzel mit Pommes, im Jänner Erdbeeren und mitten im Winter Blattsalat. Das ist zunächst ein Luxus. Gleichzeitig fällt damit eine Entscheidung weg, die früher automatisch durch die Umgebung getroffen wurde: Was ist gerade reif, lagerfähig und verfügbar?

Früher war deshalb nicht automatisch alles gesünder. Es gab weniger Auswahl und ganz andere Versorgungsprobleme. Die Ernährung war jedoch zwangsläufig stärker mit Jahreszeit, Klima und Alltag verbunden. Heute müssen wir diese Verbindung bewusst herstellen – wenn wir sie überhaupt noch wollen.

Saisonal essen ist keine neue Verbotsliste

Saisonal zu essen bedeutet nicht, dass du im Winter keine Gurke und im Sommer keinen Knödel essen darfst. Es ist weder eine Diät noch ein moralischer Leistungstest – und es garantiert keine Gewichtsabnahme.

Es bedeutet vielmehr, die Bedingungen mitzudenken, unter denen du isst: Temperatur, Bewegung, Flüssigkeitsverlust, Appetit, Sättigung, Alltag und Kalorienbilanz. Ein Lebensmittel kann zu einer Jahreszeit besonders praktisch sein, ohne zu einer anderen verboten zu werden.

Auch Tiefkühlbeeren im Winter sind kein Ernährungsfehler. Sie können eine sinnvolle und nährstoffreiche Vorratslösung sein. Die Erdbeere im Jänner ist hier vor allem ein Symbol für permanente Verfügbarkeit – nicht der Bösewicht auf dem Teller.

Was bedeutet die „Thermik“ eines Lebensmittels?

Dabei werden oft drei verschiedene Dinge vermischt:

1. Die tatsächliche Temperatur

Heiße Suppe oder Tee fühlen sich zunächst wärmend an, ein kaltes Getränk kühlend. Das sagt aber noch wenig darüber aus, wie stark oder wie lange sich die Kerntemperatur verändert.

2. Der thermische Effekt der Nahrung

Verdauung, Aufnahme und Verarbeitung benötigen Energie. Dieser messbare Effekt hängt unter anderem von Menge und Zusammensetzung der Mahlzeit ab; Protein verursacht im Durchschnitt einen höheren Aufwand als Kohlenhydrate und Fett. Das ist etwas anderes als die traditionelle Einteilung in „wärmend“ und „kühlend“.

3. Das empfundene Wärmeverhalten

Scharfe Gewürze, Ingwer oder heiße Getränke können Wärmegefühl und Schwitzen auslösen. Wasserreiche, frische Lebensmittel werden häufig als leicht und kühlend empfunden. Dieses Körpergefühl ist real, darf aber nicht mit einer exakt messbaren Veränderung der Kerntemperatur verwechselt werden.

Ein Zitronentee wird im Winter daher nicht plötzlich „kalt“. Ein Soda Zitron passt im Sommer vor allem, weil es Flüssigkeit liefert und vielen das Trinken erleichtert. Und auch ein Ingwer-Shot ist im Sommer nicht automatisch kontraproduktiv. Aber nur weil etwas als gesund beworben wird, braucht dein Körper es nicht zwingend.

Warum bestimmte Mahlzeiten zur Jahreszeit passen können

Im Sommer verlieren wir bei Hitze und Bewegung mehr Flüssigkeit. Gurken, Paradeiser, Beeren, Blattsalate oder Melonen ergänzen die Flüssigkeitszufuhr und liefern viel Volumen bei niedriger Energiedichte. Das kann sättigende Mahlzeiten mit vergleichsweise wenigen Kalorien erleichtern.

Im Winter greifen viele lieber zu warmen, sättigenden Gerichten. Kartoffeln, Kraut, Rüben und Hülsenfrüchte sind gut lagerfähig und passen in Suppen und Eintöpfe. Linsen sind aber nicht deshalb „Winterlebensmittel“, weil der Körper sie nur bei Kälte verdauen könnte. Sie sind praktisch, liefern Protein und Ballaststoffe und entsprechen häufig unserem Wunsch nach einer warmen Mahlzeit.

Die Jahreszeit liefert also keine starren Regeln. Sie liefert Zutaten und Rahmenbedingungen, die wir nutzen können.

Saisonal bedeutet nicht automatisch kalorienarm

Ein sommerlicher Blattsalat kann kalorienarm sein. Ertrinkt er in Öl oder Mayonnaisedressing, kommen Nüsse und ein Kräuterbaguette dazu, sieht die Bilanz anders aus.

Genauso sind Kartoffeln, Kraut und Rüben nicht das Problem einer winterlichen Mahlzeit. Entscheidend ist, ob daraus ein ausgewogener Eintopf oder eine riesige Portion mit Knödeln, Brot und fetter Sauce wird.

Die Jahreszeit liefert die Zutaten. Was du daraus machst, entscheidet über die Kalorienbilanz.

Ist Abnehmen im Sommer wirklich leichter?

Viele Menschen empfinden eine Diät im Sommer als leichter: Die Tage sind länger, sie bewegen sich mehr im Freien und haben häufiger Lust auf wasserreiche, leichtere Mahlzeiten. Das kann ein Kaloriendefizit erleichtern.

Im Winter kann echte Kälte zwar den Energieverbrauch erhöhen, weil der Körper seine Kerntemperatur halten muss. Die meisten von uns verbringen den Winter aber nicht frierend im Wald, sondern im beheizten Büro, Auto und Wohnzimmer. Gleichzeitig sinkt bei vielen die Alltagsbewegung, während kaloriendichte Speisen, Kekse und Snacks häufiger werden.

Der Winter bremst deine Abnahme nicht. Knödel, Kekse und Couch können es sehr wohl.

Nicht die Jahreszeit entscheidet über deine Abnahme. Sie verändert die Bedingungen, unter denen du deine Kalorienbilanz einhalten musst.

Warum mir nach meiner Magen-OP ständig kalt war

Im ersten Jahr nach meiner Magen-OP, in dem ich die meisten Kilogramm verlor, war mir beinahe permanent kalt. Ich konnte nur sehr wenig essen und verlor neben Körperfett auch Muskelmasse. Damals dachte ich, das würde für immer bleiben.

Mein Körper bekam sehr wenig Energie, durch den Gewichtsverlust veränderte sich seine Isolation und auch die verlorene Muskelmasse spielte eine Rolle. Muskelarbeit erzeugt Wärme. Mit der Zeit stabilisierte sich die Situation wieder.

Diese Erfahrung zeigt, wie eng Energiezufuhr, Körperzusammensetzung und Wärmeempfinden zusammenhängen. Sie ist aber keine Begründung für die einfache Regel „Iss im Winter mehr“. Ausgeprägtes oder dauerhaftes Frieren kann verschiedene Ursachen haben und sollte bei Unsicherheit medizinisch abgeklärt werden.

Unser Körper hat seine Signale nicht verloren

Treffender wäre: Unsere Ernährungsumgebung ist lauter geworden als diese Signale. Wir essen nicht nur aus körperlichem Hunger, sondern weil etwas sichtbar und verfügbar ist, Werbung Appetit macht, Essen zur Gewohnheit wird oder Trost und Unterhaltung bietet. Hochverarbeitete Produkte erleichtern es zusätzlich, in kurzer Zeit viel Energie aufzunehmen.

Die Wahrnehmung innerer Körpersignale nennt man Interozeption. Dazu gehören Hunger, Sättigung, Durst und körperliches Unwohlsein. Diese Wahrnehmung ist wichtig, aber nicht unfehlbar. Appetit auf Vanillekipferl kann bewusster Genuss sein – oder durch Gewohnheit und Gelegenheit entstehen.

Auf den Körper zu hören bedeutet deshalb nicht, jedem Verlangen nachzugeben. Es bedeutet wieder unterscheiden zu lernen: Ist das Hunger, Durst, Stress, Langeweile oder brauche ich tatsächlich eine warme, sättigende Mahlzeit?

Was alte Ernährungssysteme beobachteten

Lange bevor Menschen Kalorien und Stoffwechselvorgänge messen konnten, beobachteten sie, wie Lebensmittel unter unterschiedlichen klimatischen Bedingungen auf das Körpergefühl wirkten.

Im Ayurveda wurden Lebensmittel unter anderem als wärmend oder kühlend eingeordnet. Vergleichbare Gedanken finden sich in der griechisch-arabisch-persischen Humoralmedizin und späteren Unani-Medizin, in der auch Klima, Jahreszeit und individuelles Empfinden berücksichtigt wurden.

Diese Systeme sind nicht mit moderner Ernährungswissenschaft gleichzusetzen. Ihre Kategorien entsprechen weder unserer Kalorienlehre noch dem messbaren thermischen Effekt. Sie zeigen aber, dass Menschen schon früh bemerkten: Nicht jede Mahlzeit fühlt sich unter allen Bedingungen gleich passend an.

Wissenschaft, Tradition und Körpergefühl verbinden

Auch die Ernährungswissenschaft ist keine eierlegende Wollmilchsau. Sie ist unser bestes Werkzeug, um Behauptungen zu prüfen, arbeitet aber mit Wahrscheinlichkeiten, Durchschnittswerten und bestimmten Rahmenbedingungen. Ein einzelner Mensch passt mit seiner Geschichte und seinem Alltag nicht immer vollständig in diesen Durchschnitt.

Das macht Wissenschaft nicht weniger wertvoll. Gleichzeitig wird eine Tradition nicht automatisch richtig, nur weil sie alt ist. Sinnvoll ist die Verbindung: Erkenntnisse nutzen, Behauptungen kritisch prüfen und dennoch wieder genauer auf Körper, Jahreszeit und Umwelt achten.

Wissenschaft misst. Tradition beobachtet. Der Körper meldet. Gute Ernährung verbindet alle drei.

Ein saisonaler Kompass statt neuer Regeln

Vor der nächsten Mahlzeit können fünf Fragen reichen:

  • Wie warm oder kalt ist es – und wie viel Zeit verbringe ich wirklich draußen?
  • Wie viel habe ich mich bewegt und wie viel Flüssigkeit verloren?
  • Brauche ich eher Volumen und Frische oder Wärme und lange Sättigung?
  • Wie verändern Dressing, Öl, Sauce, Brot und Beilagen die Kaloriendichte?
  • Esse ich aus Hunger – oder weil das Lebensmittel sichtbar, verfügbar und gewohnt ist?

Fazit: Dein Körper braucht keine neuen Verbote

Du musst nicht saisonal essen, um abzunehmen, und saisonale Ernährung garantiert keine gute Kalorienbilanz. Sie kann aber ein wertvolles Werkzeug sein, weil sie dich wieder auf die Bedingungen aufmerksam macht, unter denen du isst.

Im Sommer können wasserreiche Lebensmittel gut zu Hitze und Flüssigkeitsbedarf passen. Im Winter können warme Gerichte mit Kartoffeln, Kraut, Rüben und Hülsenfrüchten angenehm sättigen. Entscheidend bleiben Menge, Zubereitung, Bewegung und dein gesamter Alltag.

Der Supermarkt hat die Jahreszeiten aus seinen Regalen weitgehend entfernt. Dein Körper lebt weiterhin in einer Umwelt, die sich verändert. Wir müssen nicht zurück in eine romantisierte Vergangenheit – aber wir dürfen wieder genauer hinsehen und hinhören.

Nicht alles, was jederzeit verfügbar ist, ist deshalb jederzeit passend. Aber passend ist auch nicht dasselbe wie erlaubt.

Quellen und fachliche Vertiefung