Beobachte einmal ein kleines Kind beim Spielen.

Es hockt, kniet, steht auf, hebt etwas vom Boden auf und setzt sich wieder hin.

Alles ganz selbstverständlich.

Niemand hat ihm beigebracht, wie man richtig in die Hocke geht oder mit geradem Rücken etwas aufhebt.

Es macht es einfach.

Weil diese Bewegungen zu uns Menschen gehören.

Vielleicht bewegen sich Kinder deshalb so mühelos. Nicht, weil sie trainiert sind. Sondern weil sie noch nicht verlernt haben, sich zu bewegen.

Wenn wir von Grundübungen sprechen, denken die meisten an Kniebeugen, Bankdrücken und Kreuzheben – Übungen, die viele mit Bodybuilding, Powerlifting oder Leistungssport verbinden.

Ich übrigens auch.

Doch je länger ich als Coach arbeite, desto mehr stört mich dieser Begriff.

Denn für mich sind es keine Grundübungen.

Es sind Grundbewegungen.

Bewegungen, die wir im Alter nicht mehr nur trainieren, um besser auszusehen oder Rekorde aufzustellen.

Wir trainieren sie, damit wir möglichst lange selbstständig, unabhängig und eigenbestimmt unser Leben gestalten können.

Plötzlich bekommen diese Übungen eine ganz andere Bedeutung.

Für den Athleten entscheidet eine Kniebeuge vielleicht über eine neue Bestleistung.

Für eine 75-jährige Kundin entscheidet dieselbe Bewegung darüber, ob sie auch in einigen Jahren noch selbstständig vom Sessel aufstehen kann.

Ein Kreuzheben kann über einen Wettkampf entscheiden.

Oder darüber, ob eine Getränkekiste noch selbst ins Auto gehoben werden kann.

Ein Drücken kann eine Übung im Trainingsplan sein.

Oder die Fähigkeit erhalten, eine schwere Eingangstür ohne fremde Hilfe zu öffnen.

Die Bewegung bleibt dieselbe.

Nur ihr Zweck verändert sich.

Was meine Sicht auf Training verändert hat

Diese Erkenntnis hat auch mein Coaching verändert.

Früher glaubte ich, für jede Zielgruppe völlig unterschiedliche Trainingskonzepte entwickeln zu müssen.

Heute weiß ich:

Ich muss das Rad nicht jedes Mal neu erfinden.

Ob Athlet oder Senior – die Grundbewegungen bleiben dieselben.

Ich passe nicht die Bewegung an.

Ich passe die Last, die Intensität und das Werkzeug an.

Das ist der eigentliche Unterschied.

Nicht zwischen den Übungen.

Sondern zwischen den Menschen.

Wann haben wir diese Fähigkeiten verloren?

Oder haben wir sie überhaupt verloren?

Ich glaube, wir kommen mit all diesen Bewegungen auf die Welt.

Wir können hocken, knien, heben, tragen und aufstehen.

Als Kinder denken wir keine Sekunde darüber nach.

Es passiert einfach.

Doch irgendwann verändert sich unser Alltag.

Wir sitzen beim Essen.

Wir sitzen im Kindergarten.

Wir sitzen in der Schule.

Wir sitzen im Auto.

Wir sitzen im Büro.

Und am Abend sitzen wir auf dem Sofa.

Es gibt mittlerweile sogar pädagogische Einrichtungen, die bewusst auf Sessel verzichten. Nicht, weil Sitzen grundsätzlich schlecht wäre, sondern weil Kinder sich von Natur aus ständig bewegen. Sie wechseln ihre Position, hocken, knien, klettern und stehen wieder auf.

Und genau da stellte ich mir eine Frage:

Verlieren wir diese Fähigkeiten wirklich?

Oder werden sie uns über viele Jahre hinweg Stück für Stück aberzogen?

Der Preis unserer Bequemlichkeit

Ich glaube, wir verlieren diese Fähigkeiten nicht von heute auf morgen.

Sie verschwinden schleichend.

Nicht, weil unser Körper dafür gemacht wäre.

Sondern weil unser Alltag sie immer seltener verlangt.

Wenn ich mit meinem Camper unterwegs bin, fällt mir etwas auf.

Je weiter ich in den Süden komme, desto öfter sehe ich Menschen, die ihre Pause im Hocken verbringen. Sie trinken einen Kaffee, unterhalten sich oder rauchen eine Zigarette.

Für sie ist das nichts Besonderes.

Für uns ist es oft schon eine Herausforderung.

Da frage ich mich jedes Mal:

Wann haben wir eigentlich aufgehört zu hocken?

Vielleicht genau in dem Moment, als wir begonnen haben, Bequemlichkeit mit Fortschritt zu verwechseln.

Die Rückkehr lässt sich nicht delegieren

Viele Jahre später betreten wir ein Fitnessstudio und beginnen genau jene Bewegungen wieder zu trainieren, die wir als Kinder ganz selbstverständlich beherrscht haben.

Wir nennen sie Kniebeugen.

Kreuzheben.

Bankdrücken.

Ich nenne sie lieber Grundbewegungen.

Nicht, weil sie spektakulär sind.

Sondern weil sie die Grundlage für ein selbstständiges Leben bilden.

Doch genau hier scheitern viele Menschen.

Wir leben in einer Zeit, in der wir für fast jedes Problem eine schnelle Lösung suchen.

Eine Pille, ein Pulver oder eine Injektion – Hauptsache, sie nimmt uns die Arbeit ab.

Doch unser Körper funktioniert anders.

Die Rückkehr lässt sich nicht delegieren.

Kraft.

Beweglichkeit.

Balance.

Selbstständigkeit.

All das entsteht nicht durch eine Abkürzung.

Sondern durch Bewegung.

Durch Zeit.

Durch Reibung.

Und genau deshalb ist sie nachhaltig.

Ich kann dir den Weg zeigen.

Gehen musst du ihn selbst.

Fazit

Vielleicht sollten wir aufhören, Grundübungen nur als Training für Sportler zu sehen.

Vielleicht sind sie vielmehr die Bewegungen, die darüber entscheiden, wie wir leben.

Ob wir selbstständig einkaufen gehen.

Ob wir unser Enkelkind auf den Arm nehmen können.

Ob wir ohne Hilfe vom Boden oder vom Sessel aufstehen.

Oder ob wir irgendwann auf Unterstützung angewiesen sind.

Darum trainiere ich keine Muskeln.

Ich trainiere Fähigkeiten.

Und genau deshalb spielt es für mich keine Rolle, ob jemand Bodybuilder, Powerlifter, Wiedereinsteiger oder 75 Jahre alt ist.

Die Bewegung bleibt dieselbe.

Nur das Ziel verändert sich.

Denn am Ende trainieren wir nicht für den nächsten Sommer, den nächsten Wettkampf oder die Zahl auf der Waage.

Wir trainieren Leben.

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Denn Wissen ist wertvoll.

Aber erst angewandtes Wissen verändert etwas.

Franz Papouschek
Newgen – Training mit Verstand, Struktur und Haltung.